Von Tradition bis „alles super“

Alles super an der Tanke und in Gladbach

Im Saarland, so sagt man, hat alles, was zum zweiten Mal stattfindet, Tradition. Beim dritten Mal hat es schon Bestandsschutz.

Ob das wirklich immer so ist? Ich bin mir nicht sicher. Aber vermutlich erklärt es einiges.

In der Pressekonferenz vor unserem Auswärtsspiel gegen Borussia Mönchengladbach erfuhr man, dass der letzte Sieg einer saarländischen Mannschaft in der Fußball-Bundesliga gegen Bayer 04 Leverkusen 33 Jahre zurücklag. Damals gewann man 3:1. In derselben Saison spielte man in Gladbach sogar 5:2.

Wenn das keine guten Voraussetzungen sind.

Allerdings stieg man am Ende der Saison ab.

Man sollte bei historischen Vergleichen deshalb nie zu früh mit dem Lesen aufhören.

Nun, zu einem 5:2 hat es, wie Vincent Wagner vorausgesagt hatte, nicht ganz gereicht. Aber immerhin drei Punkte konnten am Ende mitgenommen werden.

Leider auch eine unberechtigte Gelb-Rote Karte für den Trainer selbst.

Mit einer Mischung aus Einsicht und Angriff saß der Geschädigte am Abend auf der Couch im ZDF-Sportstudio. Der beurlaubte Lehrer bekam Glückwünsche von seinem ehemaligen Direktor und vom Billardclub Elversberg, der in seiner Sportart schon achtmal Deutscher Meister wurde.

Das muss man sich auch erst einmal erarbeiten: Man steigt mit einem Dorfverein in die Bundesliga auf und wird anschließend vom Billardclub geerdet.

Dann ging es, nur mit Glückssocken an den Füßen, an die berühmte Torwand.

Ja, genau die.

Jene Torwand, die Mario Basler bei seinem legendären Auftritt derart malträtiert hatte, dass Günther Jauch Angst um sein Studio bekam.

Auch die Torwand ist längst Tradition.

Ob Wagner seine Glückssocken bereits am Nachmittag getragen hatte, weiß ich nicht. Falls ja, sollte der Zeugwart sie bis auf Weiteres weder waschen noch unbeaufsichtigt herumliegen lassen.

Angst hatten die rund 2.111 Elversberger Fans jedenfalls weniger, als sie zum Borussia-Park aufbrachen. Auch im Saarbrücker-Zeitung-Podcast „Inside SVE“ war man nicht mehr ganz so skeptisch wie vor Leverkusen. Die Experten schwankten zwischen 3:1 und 1:1.

Die Fans träumten vom Traumstart mit sechs Punkten.

Ich, wie sollte es anders sein, war vorsichtiger.

Ich wäre mit vier Punkten aus den ersten beiden Spielen bereits zufrieden gewesen.

Mir wäre wohler gewesen, wenn wir am Ende des Transferfensters noch einen schnellen Innenverteidiger gekauft hätten.

Der Verein vertraut auf das angestammte Team. Das ist sehr gut nachvollziehbar. Meine Meinung allerdings auch. Das Schöne am Fußball ist schließlich, dass man seine Fehleinschätzungen hinterher nicht zurücknehmen muss. Man nennt sie einfach „berechtigte Bedenken“.

Das Spiel begann mit einer Druckphase der Gladbacher. Relativ früh geriet Elversberg durch eine eintrainierte Eckballvariante in Rückstand.

Es gibt Gegentore, die passieren.

Und es gibt Gegentore, bei denen der Gegner vorher im Training offenbar ausführlich besprochen hat, wie er einen ärgern möchte.

Doch die Elv machte weiter und erarbeitete sich Chancen.

Dann war es Mokwa.

Nach einem Befreiungsschlag erkämpfte er sich noch vor der Mittellinie den Ball und lief allein aufs Tor.

Er verwandelte eiskalt.

Der SVE-Kenner Heiko Lehmann schrieb später, Mokwa sei wohl ein Kandidat für die französische Nationalmannschaft.

Na ja.

Auch Herr Lehmann darf mal euphorisch sein.

Ich warte mit der Nominierung noch bis nach dem Bayern-Spiel.

Dann war fast Halbzeit.

Aber eben nur fast.

Kleindienst spitzelte Keidel den Ball vom Fuß ins Seitenaus. Kleindienst rennt raus, nimmt sich den Ball und wirft selbst ein.

Ja.

Er wirft den Ball, den er selbst ins Aus befördert hat, einfach wieder ein.

Die vier Schiedsrichter fanden das in Ordnung.

Vincent Wagner nicht.

Für diese Meinungsverschiedenheit bekam Wagner zunächst Gelb und beim Gang in die Pause Gelb-Rot.

Eine Fehlentscheidung.

Eine mit Folgen.

Denn von dem schnellen Einwurf überrascht, stand die SVE-Abwehr nicht sicher und erneut Bolin erhöhte auf 2:1.

Später wurde Kleindienst auf die Szene und sein unfaires Verhalten angesprochen. Das sei ihm, wie er ziemlich unmissverständlich erklärte, „Furz egal“. Schuld seien schließlich die Schiedsrichter. Die hätten das Spiel eben laufen lassen.

Auch das ist eine interessante Vorstellung von Fair Play.

Man macht etwas, von dem man weiß, dass es nicht in Ordnung ist, und wenn niemand rechtzeitig einschreitet, ist es in Ordnung.

Nach dieser Definition dürften einige Steuerberater deutlich ruhigere Nächte haben.

Nach der Pause ließen unsere Jungs Joe Scally laufen. Der konnte im Strafraum eine Flanke in aller Ruhe zum 3:1 verwerten.

Jetzt hätte man den Nachmittag eigentlich abhaken können.

Bis dahin war schließlich fast alles gegen Elversberg gelaufen: Schiedsrichterentscheidungen, Gegentore, der Trainer auf der Tribüne.

Viele Aufsteiger wären jetzt auseinandergefallen.

Die Jungs von der Kaiserlinde offenbar nicht.

Mike Frantz, nun für Vincent Wagner an der Seitenlinie, wechselte Krattenmacher ein.

Keine anderthalb Minuten später netzte dieser mit einem Latten-Tor-Reinrutsch-Schuss zum 3:2 ein.

Für diese Art Tor gibt es wahrscheinlich einen korrekten Fachbegriff.

Der interessiert mich aber nicht.

Ging da noch was?

Noch 30 Minuten.

  1. Minute. Freistoß Elversberg.

Keidel.

Ein brutaler Schuss.

3:3.

Neunzig Minuten waren rum.

Elversberg blieb am Drücker.

Der ebenfalls eingewechselte Futkeu auf Krattenmacher.

3:4.

Zittern.

Bibbern.

Zittern.

Abpfiff.

Wahnsinn.

Die Fans hatten recht.

Ich nicht.

Der Traumstart mit sechs Punkten ist gelungen.

Jetzt sind sogar null Punkte gegen Bayern im nächsten Spiel verzeihlich.

Wobei dieser Satz nach den ersten beiden Spielen bereits verdächtig nach Tiefstapelei klingt.

Die Party geht also weiter.

Aber wie war das noch mit der Tradition?

Zwei Siege haben wir schon.

Bekommen wir jetzt Bestandsschutz?

Schön wäre es.

Allerdings stelle ich fest, dass Tradition und Historie gerne verwechselt werden. Vor 33 Jahren gewann eine saarländische Mannschaft gegen Leverkusen und anschließend 5:2 in Gladbach.

Danach stieg sie ab.

Das ist Historie.

Sollte daraus jetzt Tradition werden, bin ich ausnahmsweise für deren sofortige Abschaffung.

Traditionen sind für mich Konstanten, die das Leben füllen. Manche sinnvoll, manche vollkommen unnötig.

Eine meiner Traditionen war lange das samstägliche Autowaschen. Früher stundenlang von Hand, und dabei lief die Bundesliga-Konferenz im Radio. Das war eine ziemlich praktische Kombination: Man wusste nachher, wie Dortmund gespielt hatte, und der Golf war sauber.

Heute ist davon nur die Bundesliga übrig geblieben. Das Auto fährt wegen Umweltauflagen und allgemeiner Faulheit durch die Waschanlage an der Tankstelle.

Was mich auf eine weitere Elversberger Tradition bringt: die Aral-Tankstelle.

Die vom Spielfeld aus sichtbare Werbetafel dürfte so manchen Gästespieler daran erinnern, seinen Luxussportwagen gelegentlich wieder aufzutanken.

Für viele Fans ist die Tankstelle längst regelmäßiger Treffpunkt vor dem Spiel.

Ich stand dort einmal mit Schalke-Fans zusammen und unterhielt mich, als einer sagte:

„Das hier ist eine blaue Lagune.“

Ob er mit dem Adjektiv „blau“ die Konzernfarbe des Mineralölkonzerns oder seinen eigenen Zustand meinte, blieb an diesem Nachmittag offen.

Die Bezeichnung gefällt mir bis heute.

Sicherlich gefällt sie auch der „Chefin“, wie die Saarbrücker Zeitung die Betreiberin in einem lesenswerten Artikel würdigte.

Inzwischen wurden den Tankstellen sogar nationale Ehren zuteil. In der Sky-Sendung „Glanzparade“ unterhielt man sich über den sportlichen Erfolg der SVE.

Und über die Tankstellen.

Dort nannte man das Ganze „Tanken in Elversberg“.

Bei so viel medialer Aufmerksamkeit stellt sich natürlich die Frage, wie Aral mit der neuen Situation umgeht.

Bekommt die „Chefin“ eine Vertragsverlängerung? Zieht der Konzern die Kaufoption? Oder wird am Ende des Transferfensters noch ein Leihpächter verpflichtet?

Über die Ablösesumme ist bislang nichts bekannt.

Man muss es sich einmal vorstellen: Ein Dorfverein steigt in die Bundesliga auf, gewinnt gegen Leverkusen und Gladbach – und irgendwann beginnt man, sich Gedanken über die Transferpolitik seiner Tankstelle zu machen.

Vielleicht ist genau das Elversberg.

Bei so viel Tradition fiel mir schließlich noch ein alter Werbespruch von Aral ein:

„Aral – alles super.“

Nach dem zweiten Spieltag trifft das die Gefühlslage der SVE-Anhänger ziemlich genau.

Zwei Spiele.

Sechs Punkte.

Und Vincent Wagner hat seine Glückssocken.

Alles super.

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