Gibt es (doch) einen Fußballgott?

Neulich fand in der evangelischen Kirche in Elversberg ein Fußballgottesdienst statt. Ich glaube nicht, dass damit gemeint war, dass Fußball eine Religion ist. Andererseits bin ich mir auch nicht sicher.

Die Fans saßen in der Kirche und sangen „2022 an einem Tag im Mai“. Dieses Lied wird in Elversberg normalerweise für besondere Momente aufbewahrt. Es handelt von einem Aufstieg. Inzwischen gab es davon so viele, dass man aufpassen muss, die Jahreszahlen nicht durcheinanderzubringen.

Der Gottesdienst sollte auf die erste Bundesliga-Saison einstimmen.

Man kann darüber lächeln. Aber eigentlich ist es ziemlich logisch. In einem Dorf geht man schließlich auch an Heiligabend in die Kirche, manche am Ostersamstag und so mancher vermutlich sogar vor der Kirmes. Wenn etwas wirklich wichtig wird, kann ein wenig Beistand von oben jedenfalls nicht schaden.

Vor dem ersten Bundesligaspiel gegen Bayer Leverkusen sah unser Trainer Vincent Wagner bei der Pressekonferenz ein bisschen aus wie ein Kommunionskind nach der ersten Beichte. Er sprach über die unterschiedlichen Kaderwerte beider Mannschaften. Die Wochenzeitung Forum hatte bereits ein David-gegen-Goliath-Gefühl ausgemacht. Das war vermutlich richtig, nur wurden im Alten Testament noch keine Marktwerte angegeben. Wahrscheinlich hätte Goliath aber auch dort deutlich vorne gelegen.

Beim Elversberg-Podcast der Saarbrücker Zeitung war man ebenfalls vorsichtig. 1:3 wurde getippt. Vielleicht sogar 1:4, wenn die Abwehr wieder so spielen sollte wie in Duisburg.

Die Fachleute waren also skeptisch.

Die Fans nicht. Vor der Ursapharm-Arena hörte man 2:1 und 1:0. Meine Tochter tippte 3:1. Kinder verfügen in solchen Dingen über einen Vorteil: Sie kennen keine Kaderwerte.

Ich war pessimistischer. Duisburg hatte Spuren hinterlassen. Für mich stand fest, dass an diesem Nachmittag die Aufstiegseuphorie enden würde. Dieser wunderbare lange Sommer mit guten Testspielen, vielversprechenden Neuzugängen und dem Gefühl, dass im Moment irgendwie alles funktioniert.

Irgendwann, dachte ich, kommt die Realität.

Sie kam.

Allerdings zunächst für Leverkusen. Elversberg spielte wie in vielen Zweitligaspielen zuvor. Selbstbewusst, offensiv und erstaunlich unbeeindruckt davon, dass der Gegner Bayer Leverkusen hieß. Petkov und Campbell machten aus vorsichtiger Hoffnung ziemlich schnell etwas, das im Stadion gefährlich nach Größenwahn aussah.

2:0.

Leverkusen traf einmal die Latte. Das war hilfreich, weil es daran erinnerte, dass die andere Mannschaft auch noch da war.

In der Halbzeit traf ich am Bierstand einen Fan. Er sagte: „Schon Scheiße. Du spielst top, führst hochverdient 2:0 und weißt trotzdem: Es reicht nicht.“ Das ist vermutlich eine ziemlich genaue Beschreibung des Fandaseins. Man bekommt etwas Schönes geschenkt und beginnt sofort darüber nachzudenken, wann es einem wieder weggenommen wird.

Wenige Sekunden nach Wiederanpfiff schoss Mokwa das 3:0.

Ich hätte den Mann vom Bierstand gern noch einmal gesprochen, vielleicht hätte er gesagt: Jetzt reicht es. Wahrscheinlich aber nicht. Denn jeder im Stadion wusste plötzlich, dass noch fast eine ganze Halbzeit zu spielen war. Gegen Leverkusen. Manchmal ist ein 3:0 beruhigend. Manchmal ist es der Beginn einer Angststörung.

Nach Campbells Auswechslung wurde das Elversberger Spiel statischer. Die Beine wurden schwerer. Leverkusen dagegen erinnerte sich allmählich daran, dass der Verein nicht an den Rand des Saarlandes gereist war, um an einer verlängerten Aufstiegsfeier teilzunehmen.

Goliath richtete sich auf.

Schick traf.

Dann fiel gegen Ende der regulären Spielzeit auch noch das 3:2.

Nun bekam der Gottesdienst vom Saisonbeginn rückwirkend eine gewisse Berechtigung. Die Fans beteten wieder. Diesmal nicht in der Kirche und vermutlich auch nicht besonders liturgisch korrekt.

Nur fünf Minuten!

Bitte!

Irgendwie!

Fünf Minuten!

Jeder Elversberger Ballgewinn wurde gefeiert. Leider führten die Ballgewinne kaum noch dazu, dass der Ball länger bei Elversberg blieb. Das Nervenkostüm auf den Rängen hatte inzwischen ungefähr die Stabilität einer nassen Papiertüte.

Dann kam dieser letzte Schuss.

Langes Eck.

Kristof flog.

In der Halbzeit hatte man über die Stadionlautsprecher erfahren, dass sein Vater kürzlich Geburtstag hatte. Das sind Informationen, deren Bedeutung sich einem zunächst nicht immer erschließt. Nun erschloss sie sich. Kristof streckte sich, bekam gerade noch die Fingerspitzen an den Ball und lenkte ihn vorbei.

Einer hinter mir rief: „Die Hand Gottes!“

Das war natürlich theologisch nicht ganz korrekt. Außerdem war es, soweit ich sehen konnte, eher die Hand von Kristof, aber in diesem Moment wollte niemand kleinlich sein.

Dann war Schluss.

Auf meinem Handy erschienen Nachrichten von Leuten, die mir gratulierten. Das fand ich bemerkenswert. Ich hatte nicht mitgespielt. Ich hatte nicht trainiert. Ich hatte auch sonst nichts zum Sieg beigetragen. Wenn man davon absieht, dass ich ein Bier gekauft und zwischenzeitlich den Glauben verloren hatte, war meine persönliche Leistung überschaubar. Trotzdem bekam ich Glückwünsche.

Vielleicht versteht man daran besser als an vielen Sonntagsreden, was Fußball mit einer Region machen kann. Man gratuliert Menschen zu etwas, das andere Menschen getan haben, weil es sich trotzdem ein bisschen so anfühlt, als hätte man gemeinsam gewonnen.

Am Abend lag über Elversberg diese eigentümliche schwarz-weiße Glückseligkeit. Die Euphorie, von der ich vor dem Spiel geglaubt hatte, sie würde nun enden, war immer noch da. Eigentlich war sie schlimmer geworden.

Und der Fußballgott?

Ich glaube weiterhin nicht, dass der Gottesdienst in Elversberg so gemeint war. Aber falls es ihn gibt, hat er offenbar einen seltsamen Humor. Er lässt einen Dorfverein 3:0 gegen Leverkusen führen, macht daraus anschließend ein 3:2, wartet bis zum letzten Schuss und lässt dann einen Torwart durch die Luft fliegen. Man hätte die Sache auch unkomplizierter lösen können.

Aber vermutlich wäre es dann kein Fußball.

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